Über uns

Eine jüdische Ansiedlung in Hannover ist seit über 700 Jahren belegt. 1703 entwickelte sich auf einem, für die Öffentlichkeit unsichtbaren Platz im Hinterhof, eine kleine Kehilla (hebr.: “Gemeinde“) mit einem aktiven jüdisches Leben. Nach dem vollständigen Zusammenbruch durch die Scho’ah hat sich die Jüdische Gemeinde Hannover in den 1950ern erneut etabliert, ist seitdem wieder im Stadtbild präsent und bereichert das religiöse und kulturelle Angebot der Landeshauptstadt Hannover.

Heute bietet Ihnen die Jüdische Gemeinde Hannover mit 4.000 Mitglieder eine Vielfalt von Veranstaltungen und Mitgliederdiensten.

Hierzu gehören Gottesdienste, Sozialdienste, Besucherdienste, ein Jugendzentrum, Synagogenführungen, ein Treffpunkt für Scho’ah-Überlebende, die Gruppe „Über 30“, eine Sonntagsschule für Kinder mit vielfältigen Angeboten, ein Kindergarten, unterschiedliche kulturelle Veranstaltungen sowie Reisen für jede Altersgruppe.

Vorstand

1. Vorsitzender:
Herr Michael Fürst

2. Vorsitzender:
Herr Dan Litvan

3. Vorsitzender:
Herr Arkadij Litvan

Repräsentanz

Herr Josef Zweigel

Herr Yükhim Bak

Frau Pesya Basis

Herr Juri Gurewitsch

Herr Alexander Olschanetzki

Herr Eugene Korsunsky

Herr Teimouraz Bokhoua

Religiöses Leben

In der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Hannover finden jede Woche regelmäßige Gottesdienste zum Schabbath (Freitagabend und Samstagmorgen), sowie zu allen jüdischen Festen statt.

Hier entfaltet sich religiöses Leben und wird mit alltäglichem Leben geteilt. Wir laden Sie herzlich ein, an beidem teilzuhaben.

Unsere Gemeinde verfügt über vielfältige Angebote:

  • Die regelmäßigen Shabbat-Gottesdienste,
  • Ein Synagogenchor,
  • Zu unseren Räumlichkeiten gehört unter anderem eine eigene Mikwe,

Desweiteren verfügt unsere Gemeinde über einen eigenen jüdischen Friedhof.

Soziales

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Unser Sozialreferat berät und betreut Mitglieder der Jüdischen Gemeinde und ihre Familienangehörigen in vielfältigen Bereichen:

  • Case Management
  • psychosoziale Versorgung und Krisenintervention
  • Erwachsenenbildung
  • Projektmanagement
  • Synagogenführungen
  • ehrenamtliches Engagement
  • Öffentlichkeitsarbeit

Freizeit- und Bildungsaktivitäten

Die Jüdische Gemeinde Hannover bietet Ihnen ein vielfältiges kulturelles Freizeitangebot mit Kursen, Veranstaltungen und zahlreichen Aktivitäten.

Hierzu gehören:

  • Deutschunterricht
  • „Bunter Abend” – Gruppe „Über 30“
  • Musikunterricht
  • Seminar „Jüdische Geschichte und Kultur”
  • Projekt „Gespräche um Musik“
  • Projekt „Rodnik“ (russische Kulturinitiative)

… und vieles mehr.

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Geschichte

DIE GEMEINDE IN DEN 1990ER JAHREN & ZUR JAHRTAUSENDWENDE









Von ihrer Anzahl her bildete die jüdische Bevölkerung stets nur eine kleine Randgruppe. Aber nicht nur nach der Bevölkerungsstatistik stellte die jüdische Bevölkerung eine Minderheit innerhalb der Stadtgemeinde dar. In einer von christlichen Anschauungen geprägten – das bedeutet: der jüdischen Minorität gegenüber feindlichen – Umgebung hielten sie treu an ihren religiösen Überlieferungen, den traditionellen, rituell vorgeschriebenen Lebensformen wie beispielsweise der Heiligung des Schabbaths, der Orientierung an einem eigenen Festkalender und der Befolgung besonderer Speisegesetze fest. Dadurch war die jüdische Bevölkerung für ihre Umgebung und damit für die Mehrheitsgesellschaft als Außenseiter zu erkennen. Die von der katholischen Kirche vor und nach der Reformation ausgehende Feindschaft gegenüber den vermeintlich Ungläubigen entlud sich in wiederholten Übergriffen und Vertreibungen im gesamten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

Die allgemeine Ablehnung der jüdischen Minderheit fand ihren Niederschlag in dem besonderen Rechtsstatus, nach dem jüdische Einwohner in Hannover nur mit ausdrücklicher, zeitlich begrenzter Genehmigung seitens der Obrigkeit, d.h., als Fremde ohne die Rechte anderer Bürgerinnen und Bürger, leben durften.

Die im 17. Jahrhundert einsetzende Tolerierung des Judentums als Religion schloss die gesellschaftliche Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung keineswegs aus. Dementsprechend wird die erste Synagoge 1703 auf einem für die Öffentlichkeit unsichtbaren Platz in einem Hinterhof errichtet. In dieser Abgeschiedenheit entwickelte sich in der kleinen Kehila (hebr.: „Gemeinde” ) ein bedeutungsvolles jüdisches Leben. Die eigenständige jüdische Kultur ermöglichte die Aufrechterhaltung des Judentums, seiner religiösen Identität und seines sozialen Zusammenhangs.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, also über 550 Jahre, existierte die jüdische Minderheit am Rande der Gesellschaft, bis auch im Königreich Hannover das für die jüdische Bevölkerung geltende Ausnahmerecht aufgehoben und die jüdische Minorität vom Gesetz mit allen übrigen Bürgerinnen und Bürgern gleichgestellt wurde.

Den veränderten äußeren Lebensbedingungen entsprach ein innerer Wandel des Judentums. An die Stelle der alten Kehila trat die Synagogengemeinde als Religionsglied. Aber kein Reformgesetz konnte die Folgen Jahrhunderte langer Diskriminierung aufheben: Die einseitige Berufsstruktur der jüdischen Bevölkerung, nachdem ihnen die Teilhabe an städtischer Handwerks- und ländlicher Agrarproduktion stets versperrt worden war, und das bei großen Teilen der Bevölkerung negative, von Misstrauen und Feindseligkeit geprägte Bild als „Verlierer der Gesellschaft”. Die neuen Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens blieben auch nach ihrer rechtlichen Gleichstellung als Minderheit erkennbar.

Beschwörungen einer Normalität friedlichen jüdisch-deutschen Zusammenlebens vor der Zeit des Nationalsozialismus verwechselte Wunsch und Wirklichkeit. Die wenigen Jahrzehnte zwischen Emanzipation und Nationalsozialismus brachten zwar einen sozialen Aufstieg des Judentums in der bürgerlichen Gesellschaft, aber es formierten sich zugleich antiliberale und antidemokratische Bewegungen mit judenfeindlicher Programmatik: der moderne Antisemitismus, der noch vor der Jahrhundertwende auch in Hannover viele Anhänger für das Ziel einer erneuten Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung mobilisierte.

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts erwarb die jüdische Gemeinschaft in Hannover zur Beisetzung ihrer Toten einen Sandhügel weit vor den Toren der Stadt, an der heutigen Oberstraße. Der Friedhof war – von einer Hecke abgesehen – ungeschützt, so dass es wiederholt zu Grabschändungen durch Sand und abfahrende Fuhrleute kam.

1671 wurde auf dringende Bitte der jüdischen Gemeinde ein Schutzbefehl des Amtsvogts von Langenhagen auf einer noch heute vorhandenen Steintafel publik gemacht und ausdrücklich davor gewarnt, die jüdische Grabstadt „…(zu) filieren oder (zu)turbieren, (zu) beschädigen oder zu stören”.

Erst 1740 wurde schließlich eine Mauer um den Friedhof gezogen.

Das Edikt des Herzogs Ernst August vom 10. März 1687, durch das der jüdischen Gemeinschaft die Wahl eines Landrabbiners erlaubt wurde, ging auf ein Gesuch der unter staatlichem Schutz im Lande lebenden jüdischen Bevölkerung zurück, die bis dahin ihre internen Streitigkeiten vor auswärtige rabbinische Gerichte bringen musste. Der hannoversche Landesrabbiner war zuständig für das gesamte damalige Staatsgebiet, die Fürstentümer Calenberg, Göttingen und Grubenhagen.
In der Synagogengemeinde Hannover war Landesrabbiner Samuel Meyer zugleich als Ortsrabbiner tätig. Die Entwicklung der jüdischen Gemeinde war von einem stetigen Zustrom jüdischer Familien aus kleinen Landgemeinden bestimmt – nach Aufgabe des Niederlassungsverbots 1842 durften auch die jüdischen Bürgerinnen und Bürger ihren Wohnsitz frei wählen. Mit dem Anwachsen Hannovers zur Großstadt nahm auch die Zahl der jüdischen Einwohner stark zu (1833: 537; 1852: 668; 1871: 1936; 1910: 5155). Aus der kaum bedeutenden jüdischen Kleingemeinde des 18. Jahrhunderts wurde eine der zehn deutschen Großgemeinden. Darüber hinaus erwarben viele ihrer Mitglieder das Bürgerrecht der Stadt.

Die Alte Synagoge aus dem Jahr von 1827 erwies sich bald als viel zu klein und auf Initiative des Landes- und Oberrabbiners Samuel Meyer wurde ein Neubau beschlossen. Meyer leitete persönlich die Baukommission, die sich für das Projekt des Architekten Edwin Oppler entschied und dafür von der Stadt einen Bauplatz gegenüber der Alte Synagoge erwerben konnte.

Die hoch aufragende Neue Synagoge wurde demonstrativ als freistehendes Gebäude auf einem neu geschaffenen zentralen Platz in Nachbarschaft zu den Hauptkirchen der Stadt errichtet: der Bau symbolisierte den Respekt und die Anerkennung, die inzwischen der jüdischen Bevölkerung entgegengebracht wurden.

Der dreischiffige Zentralbau hatte im Erdgeschoss 650 Plätze für Männer und auf den Emporen 450 Plätze für Frauen. Die im Innenraum lediglich ornamental ausgeschmückte Synagoge besaß keine Orgel, denn die hannoversche Gemeinde begnügte sich stets mit dem Einsatz eines großen Synagogenchores. In einer Tresorkammer verwahrte die Gemeinde alte wertvolle Thoraschreinvorhänge und Kultgeräte.

Die Einweihung der Neuen Synagoge am 15. September 1870 bildete einen Höhepunkt im Gemeindeleben. Die Synagoge blieb für sieben Jahrzehnte bis zur Zerstörung am 9 November 1938 das religiöse Zentrum der Hannoveraner jüdischen Glaubens.

Seit dem Frühjahr 1938 gingen die Nationalsozialisten mit einer Vielzahl von bürokratischen und polizeilichen Maßnahmen gegen die jüdische Minderheit vor, um deren wirtschaftliche Ausschaltung zu beschleunigen und den Druck zur Auswanderung zu verschärfen. Hierzu zählten u.a.: Zwang zur Vermögensanmeldung, Meldepflicht aller jüdischen Personen, öffentliche Kennzeichnung der jüdischen Betriebe, prinzipielles Berufsverbot für Ärzte und Anwälte, Zwang zur Annahme jüdischer Vornamen.

Die Synagogengemeinden verloren ihren Rechtsstatus und konnten ihre Mitglieder weniger denn je beschützen. Im Juni setzte eine Verhaftungswelle im gesamten Reichsgebiet ein: Im Oktober wurden 17.000 jüdische Menschen mit polnischer Staatsangehörigkeit aus dem Deutschen Reiche ausgewiesen, von denen 484 aus Hannover stammten. Sie wurden in einer Nacht- und Nebelaktion zusammengetrieben und am 28.Oktober 1938 über die polnische Grenze deportiert. Im Verlauf des 10. Novembers schwärmten die SS-Kommandos im gesamten Stadtgebiet zu Verhaftungsaktionen und Wohnungs- sowie Geschäftsplünderungen aus. Tagsüber wurde auch die 1928 erbaute Halle auf dem jüdischen Friedhof Bothfeld in Brand gesetzt und zerstört. Die Polizei griff nicht ein. Ihre Berichte geben jedoch einen Überblick über die unzähligen Zerstörungen und die sinnfreie Vernichtungswut der Nationalsozialisten und ihrer Handlanger. Insgesamt wurden 334 jüdische Menschen aus Hannover und Umgebung verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert. 27 Wohnungen und 94 Ladengeschäfte wurden vollständig demoliert.

Höhepunkt des NS – Terrors gegen die jüdische Minderneheit 1938 war das organisierte Pogrom vom 9., 10. und 11. November, als überall in Deutschland von nationalsozialistischen Aktivisten Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Einrichtungen zerstört, Wohnungen und Geschäfte geplündert und demoliert wurden. Doch es blieb nicht bei diesen Angriffen auf Gebäude und Eigentum: 30.000 jüdische Menschen wurden in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt, wo mehrere Hunderte von ihnen durch Misshandlungen umkamen und den übrigen die sofortige Auswanderung unter Zurücklassung allen Besitzes abgepresst werden sollte. Neue absurde Verordnungen verbaten jede weitere Geschäftstätigkeit und bewirkten zugleich eine Vermögensabtretung aller verbliebenen Geldbeträge an das Reich. Die soziale Isolierung wurde durch den Ausschluss jüdischer Schulkinder aus öffentlichen Schulen und ein generelles Verbot des Besuchs kultureller Veranstaltungen vertieft. Jüdische Organisationen wurden zerschlagen, die jüdische Presse verboten. Die legale Existenz des deutschen Judentums war gänzlich beendet. Jüdischen Familien waren dem Untergang geweiht.

Die nationalsozialistische Propaganda prägte für den – geplanten – Pogrom die verharmlosende Bezeichnung „Reichskristallnacht” und stellte die Ereignisse so dar, als handle es sich um einen Ausdruck spontanen Volkszorns, mit dem die erzürnte deutsche Bevölkerung auf das einige Tage zuvor durch Herschel Grünspans in Paris verübte Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath reagierte. Die Propagandathese von der Volkswut sollte bemänteln, dass das November – Pogrom eine Wende in der nationalsozialistischen Behandlung der „Judenfrage” darstellte: War der Antisemitismus auch schon vor 1938 immer mehr zur Staatsangelegenheit geworden, so wurde jetzt die nationalsozialistische Politik gegen die völlig unschuldige jüdische Minderheit an die SS übertragen, die über Apparat und Personal des modern organisierten Reichssicherheitshauptamts verfügte.

Fortan kam individuellen Übergriffen von Antisemiten keine wesentliche Bedeutung mehr zu. Dies bedeutete, dass die Bevölkerung sich abseits halten und angesichts des staatlichen Vernichtungsprogramms bei aller judenfeindlichen Prägung in Gleichgültigkeit flüchten konnte.

Bis 1949 hatten die meisten der im Nachkriegs – Hannover lebenden jüdischen Menschen, ob Heimkehrer oder sog. „Displaced Persons“, die Stadt verlassen und waren ausgewandert. Dennoch blieb die Jüdische Gemeinde bestehen: manche, vor allem ältere Mitglieder, fühlten sich den Belastungen eines Neuanfangs im Ausland nicht gewachsen, andere wollten aus persönlichen Gründen trotz der schrecklichen Erlebnisse der Verfolgung in ihrer Heimatstadt bleiben. Für diese Menschen hatte die Gemeinde zu sorgen. Ihr erstes großes Bauprojekt war die Errichtung eines jüdischen Altenheims, das 1953 in der Haeckelstraße 6 eröffnet wurde. Zwei weitere wichtige Aufgabenbereiche der Gemeinde waren bis weit in die sechziger Jahre hinein die Beratung und Unterstützung für die in aller Welt lebenden Mitglieder der früheren Synagogengemeinde, die ihre Ansprüche nach den Wiedergutmachungsgesetzen gelten machen wollten, sowie verschiedenste Hilfsangebote für jüdische Besucherinnen und Besucher, die als Zeugen in NS – Prozessen nach Hannover kamen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann für das jüdische Leben in Deutschland und damit auch für unsere Gemeinde ein ganz neues Kapitel. Ab 1991 durften jüdische Menschen und Menschen mit jüdischen Vorfahren aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion als Kontingentflüchtlinge in die Bundesrepublik einreisen. Durch diesen außergewöhnlichen politischen Schritt wollten die Bundes- und Landesregierungen das durch die Scho’ah erloschene jüdische Leben in Deutschland erneuern. Während die jüdischen Gemeinden in Deutschland laut Mitgliederstatistik der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland 1990 ca. 29.000 Mitglieder zählten, gab es bis 2003 einen Zuwachs um über das Dreieinhalbfache auf fast 102.500 Mitglieder. Die Gesamtzahl der zwischen 1991 und 2004 nach Deutschland gekommenen jüdischen Zuwanderer beträgt insgesamt ca. 219.600 Personen, was wiederum über 90 % der gesamten jüdischen Bevölkerung in Deutschland entspricht.

Die jüdischen Gemeinden sahen sich 1991 plötzlich mit besonderen Herausforderungen konfrontiert, die neue interne Infrastrukturen erforderten und je nach Standort in ganz unterschiedlichem Ausmaß bewältigt wurden. Von zentraler Bedeutung war bundesweit und so auch in unserer Gemeinde in Hannover die Integration der jüdischen Zuwanderer in die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Die Gemeinden fungierten bei diesem Zusammenspiel also als unverzichtbares Bindeglied. Bedingt durch die religiöse Unterdrückung sowie eine areligiöse, atheistische Erziehung in der ehemaligen Sowjetunion hatten sich die meisten Zuwanderer der jüdischen Religion längst, teilweise sogar schon über mehrere Generationen hinweg völlig entfremdet. Aus diesem Grund fehlten ihnen jedwede Kenntnisse über das Judentum. Nur wenige Kontingentflüchtlinge hatten noch die ein oder andere Familientradition oder -erinnerung bewahrt, die auf das Judentum zurückzuführen war. Das Verlangen der meisten Zuwanderer, Anschluss an die alteingesessenen Gemeindemitglieder zu gewinnen und ebenbürtig sowie auf Augenhöhe an „ihrem“ Gemeindeleben teilzuhaben, wuchs zunehmend.

Aus dieser prekären Situation heraus entwickelten sich im Zuge der Zuwanderung in den jüdischen Gemeinden in Deutschland verschiedene Philosophien, wie der jüdische Glaube fortan ausgelebt werden konnte: Hierbei war es selbstverständlich möglich, sich traditionell über die aktive Religionsausübung, d. h. beispielsweise durch Teilnahme an Gottesdiensten,

mit dem Judentum zu identifizieren. Da das Bekenntnis zum jüdischen Volk schon seit der „Haskala“, der jüdischen Aufklärung im 18. Jahrhundert, nicht mehr nur durch Religion, sondern auch durch ethnische Zugehörigkeit erfolgen kann, war es durchaus verbreitet, sich ebenso über kulturelle Aktivitäten, d. h. durch Pflege und Bewahrung jüdischer Bräuche und jüdischer Kultur, mit dem Judentum zu identifizieren. Dieses sog. „Kulturjudentum“ erlaubt es in gleichem Maße wie jede andere Strömung, aufs engste mit dem Judentum verbunden zu sein. Auf diese Weise etablierten sich bei uns in der Gemeinde im Laufe der 1990er – Jahre Schachclubs, Literaturkreise, Chöre, Koch-, Mal- und Computerkurse, Tanz- und Theatergruppen, Treffen und Tanzabende für unterschiedliche Altersgruppen, Zusammenkünfte für Scho’ah – Überlebende usw. Auch Religionsunterricht für Jung und Alt wurde eingerichtet, um dem Bestreben der Zuwanderer gerecht zu werden, die unbekannte, verdrängte Religion kennenlernen zu können. Ebenso floriert seitdem das Jugendzentrum, welches die zentrale Anlaufstelle für die jungen und jüngsten Gemeindemitglieder ist. Neben einem regelmäßigen, allwöchentlichen Programm werden bis heute Tagesausflüge und Ferienlager organisiert, die selbstständig oder in Kooperation mit Jugendzentren anderer Gemeinden oder weiteren Trägern der jüdischen Jugendarbeit veranstaltet wurden und werden.

Unserer Gemeinde ist die einst unerwartete Herkulesaufgabe in besonderer Weise gelungen. So leisten wir seit über drei Jahrzehnten außergewöhnliche Integrationsarbeit und bieten jedem jüdischen Menschen in unserer gemeinschaftlichen Einheitsgemeinde je nach individuellen Interessensschwerpunkten unterschiedlichste Entfaltungsmöglichkeiten

Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist ein zentrales Thema aller Menschen jeder Religion. Das Judentum lässt unterschiedliche Vorstellungen über Tod und Auferstehung zu. „Diese Welt ist nur ein Korridor zur kommenden Welt. Der Tod ist das Durchschreiten des Tores zwischen zwei Welten. Er gibt Einlass in eine Welt, die vollkommen ist.”

Der jüdische Friedhof (hebräisch: „Beth Olam“; – „Haus der Ewigkeit“, auch „Beth Hachajim“; – „Haus des Lebens“) soll für die Verstorbenen der „gute Ort“ sein. Er will ihnen eine würdige und dauerhafte Ruhestätte inmitten von Menschen ihres Volkes und Glaubens geben: Nach jüdischer Auffassung bleibt ein Grab auf „ewig“ unangetastet.

Die Forderung eines ewigen Ruherechts entspricht der religiösen Vorstellung einer zukünftigen, körperlich verstandenen Auferstehung der Toten, die mit der Ankunft des Maschi’achs einhergehen wird.

Die Beisetzung der Toten ist im Judentum eine Sache der Gemeinschaft: Zu den wichtigsten „Lebensmomenten einer israelitischen Gemeinde gehört (…) die Art und Weise, wie sie (…) ihre religiösen Institute erhält und fortbildet, Wohltätigkeit übt und fördert und ganz besonders, wie sie für Arme, Kranke und Verstorbene sorgt (…)“ (Salomon Frensdorff, 1845). In diesem Sinne bezeugen die drei jüdischen Friedhöfe in Hannover beispielhaft die innere Entwicklung der alten Synagogengemeinde.

Der Friedhof „An der Strangriede” war von 1864 bis 1924 der Friedhof der jüdischen Gemeinde in Hannover: Heute ist er mit seinen mehr als 2.600 erhaltenen Grabstätten das bedeutendste Zeugnis des hannoverschen Judentums aus den Jahrzehnten zwischen Emanzipation und Nationalsozialismus.